Start » Schnippsel » Tiroler in der Fremde


Tiroler in der Fremde

von Hans von der Trisanna

Aus: Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 16. März 1911
Im Tiroler steckt Wandertrieb. Es bringen dies zum Teil die in einigen Teilen des Landes bestehenden ungünstigen Erwerbsverhältnisse mit sich, wodurch viele von jeher gezwungen wurden, in der Fremde sich ihren Lebensunterhalt zu suchen. Die Handschuhhändler aus dem Zillertal, die Teppichhändler aus Defereggen, die Grödner, die Ampezzaner, die Nonsberger, die Hochbau- und Steinbauarbeiter aus Deutsch- und Italienisch-Tirol, die Schleifer und Hausierer, die Stukkateure aus dem Lechgebiete, die Maurer und Steinhauer aus den Tälern um den Arlberg, die Bergleute und Holzhauer finden wir sehr zahlreich in fremden Landen.

Aber wir finden in fremden Landen nicht etwa bloß Arbeiter, Handwerker und Handelsleute aus Tirol. Auch die Intelligenz liefert einen beträchtlichen Ueberschuß an fremde Gebiete und verschiedene Berufsklassen ab. Der Tiroler ist im allgemeinen in fremden Ländern beliebt und gerne gelitten. Erblickt man doch in ihm die verkörperte Treue und Anhänglichkeit an Kaiser und Reich. Das Land der Treue hat überall einen guten Klang und die Sehnsucht nach ihm steckt im ganzen deutschen Volke.

Es wäre eine lange Reihe von Künstlern und Gelehrten, welche im Inlande und Auslande wirkten und wirken, deren Wiege in unserem Alpenlande gestanden ist. Die folgenden Zeilen seien einem Künstler gewidmet, von dem nie etwas in die Öffentlichkeit gedrungen ist, der aber etwas ganz Eigenartiges schuf, so daß es sich ziemt, daß seine engeren Landsleute hievon vernehmen.

Im Spätherbste durchwanderte ich das herrliche Donautal zwischen den alten Donaustädtchen Ybbs und Grein. Diefer Teil des Donautales gilt nach der vielbesungenen Wachau als die schönste Teilstrecke des ganzen Stromlaufes. Dunkle Waldberge treten ganz nahe an den Strom heran und spiegeln sich in demselben. Alte Burgen halten an dem schönen Nibelungenstrome Wacht und freundliche Ortschaften schmiegen sich an die steilen Ufer. Hier ist eine ungemein reiche Fülle von landschaftlicher Schönheit auf kurzer Strecke vereinigt. Man gab kürzlich diesem Stromtale den Namen "Nibelungengau", um mit dem Zauber der Landschaft den der Sage zu vereinigen. Hier ist der berühmte und ehemals gefährliche „Strudel und Wirbel", die Insel Wörth und die zwei Schwesterländer reichen sich am linken Ufer die Hand.

Das erste Dorf im Oberösterreichischen ist Sarmingstein, ein herrliches Nestchen und eine beliebte Sommerstation der Wiener. Hier traf ich die Spuren eines Landsmannes, namens Robert Lechleitner, seines Zeichens Mechaniker aus Innsbruck. Auf seiner Wanderfahrt hat er hier dem Hotelbesitzer Franz Fannenböck, der ein sehr begabter Musiker ist, ein Instrument verfertigt, das in seiner Eigenartigkeit noch keine Nachahmung gefunden haben dürfte. Es führt den Namen Trifonium, weil es eine Verbindung von Flöte, Zither und Harmonium ist. Auf einem anscheinend gewöhnlichen Zithertisch liegt eine Zither, deren Griffbrett mit Drückern versehen ist, durch welche der im Schubladenraum untergebrachte Mechanismus in Bewegung gesetzt wird. Durch ein Absperrungsregister ist es möglich, jedes Instrument auch für sich allein zu spielen.

Der Besitzer dieses interessanten Instrumentes hat in der Handhabung desselben eine große Virtuosität erreicht und wurde vor Jahren eingeladen, vor dem Erzherzog Franz Ferdinand zu spielen, der ihm hiefür ein wertvolles Andenken überreichte.

Das geschilderte Instrument erregt die Bewunderung weiter Musikkreise. Meines Wissens stammt der Erbauer aus dem musikfrohen Stanzach im Lechtale. Es heißt, die Bewohner dieses freundlichen Dörfchens am rauschenden Lech seien eingewanderte Walliser, so wie die Bewohner des kleinen und großen Walsertales im Nachbarländchen vor dem Arlberg. Ein bißchen ein anderer schlag als die übrigen alemannischen Lechtaler sind sie; ihre Gesichter sehen anders aus. Auch die Mundart hat bedeutend abweichende Formen. Aber ein musiktüchtiges Völklein ist es, wie ein solches wenige Ortschaften in Tirol aufzuweisen haben.


Lechleitner Robert wurde am 8. Juni 1840 in Stanzach geboren. Er war Sohn eines Dorfschullehrers und schon früh zeigte sich eine außerordentliche technische Begabung des Jungen. So lernte er in kurzer Zeit das Schreiner-, Drechsler-, Büchsenmacher-, Schmiede-, Spengler-, Schlosser- und Uhrmacher- sowie weitere Handwerke. Er tüftelte, konstruierte und baute verschiedene funktionelle Apparate und Musikinstrumente. Bekanntheit erlangte Robert Lechleitner durch seine neuartigen, multifunktionalen Musikinstrumente, wie dem 'Pansymphonium' (eine Kombination von Klavier, Harmonium und Orgel) und sein zuvor angesprochenes 'Triphonium', wofür er eine Auszeichnung auf der Weltausstellung 1873 in Wien erhielt[1].

Darüber hinaus entwickelte er auch eine Gewehrabziehmaschine[2]. Robert Lechleitner verstarb am 16. Mai 1920 in seinem Heimatort Stanzach.

Einzelnachweise


1. Österreichisches Biographisches Lexikon
2. Außferner Erfinder und Techniker, Außferner Bote vom 21. Sep. 1935
chat

Kommentare

schreiben Stylus

Noch keine Kommentare vorhanden. Schreib´ doch du den ersten!


einen Kommentar schreiben







Spam-Schutz: Was ist 4 + 8?



* Kommentare werden nach Prüfung freigeschaltet.


Rüdesheim
rüdesheim, rhein, rheingau, winzer, wein, bingen

Innergschwend
tannheim, innergschwend, gimpel, rote flüh

Gasthof Traube
schattwald, gasthof traube, fink, benzinpumpe


...vielleicht auch interessant:

Tief im Berg (Schnippsel)
Zeitungsarchiv (Geschichte)
Neuzeit und Moderne (Geschichte)


Top-Themen
sterbebild, button
Sterbebild-Sammlung

Es befinden sich aktuell 8179 Einträge in der Sammlung

8