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Kaiser Lothars Tod in Breitenwang

Erzählung von Walter Braun (1931)

kaiser lothar iii.

Aus: Außferner Bote, Juli 1931
Um die Mittagsstunde des 5. Dezember im Jahre 1137 reitet eine Gruppe schwerbewaffneter Krieger das Zwischentorental gegen die Ehrenberger Klause hinauf; langsam kommen sie auf dem glatten gefrorenen Wege vorwärts, während der Wind von Osten her in den Rücken pfeift und durch die waldigen Hänge der Berge heult, die wie Götter zu beiden Seiten der Straße thronen. Der Schnee liegt noch nicht tief; der Sturm sorgt dafür und fegt den Weg frei. Der Himmel ist merkwürdig blau, aber die Sonne macht nicht warm; nur die Anstrengung des dauernden Reitens läßt die Kälte nicht zu sehr in die Glieder fahren. Mann und Roß dampfen und mühen sich um jeden Schritt; jedes angefangene Gespräch bleibt stecken in der Kälte und in dem Gedanken, der alle beherrscht: heim! Wieder am prasselnden Feuer daheim sitzen und ruhen! Und keiner sagt und jeder denkt die bange Frage: lebt der Kaiser noch? Als schwerkranker Mann war Lothar, einst der tatkräftige Sachsenherzog von Supplinburg, jetzt der müde Greis mit den weißen Haaren und den glühenden Augen, von Italiens dumpfer Ebene aufgebrochen um mitten durch Schnee und Eis noch in die Heimat zu gelangen. Wars nicht berauschende Begeisterung gewesen, als sie vor zwei Jahren unter Führung ihres 60jährigen Kaisers und seines Schwiegersohnes, des Bayernherzogs Heinrich, in großem Heerzug über die Alpen, gerückt waren? Und dann der Siegeszug durch die Lombardei, dann in zwei Gruppen den italienischen Küsten entlang, von Kampf zu Kampf, und von Sieg zu Sieg! Allerdings selten ein froher und offener Streit, Mann gegen Mann in der Feldschlacht, sondern als müßte man Ungeziefer und Schlangenbrut bekämpfen, schleichend und heimtückisch, nie sicher vor Hinterhalt und Verrat. Aber sie hattens geschafft, wenns auch viel Blut kostete und die Grausamkeit, aufgepeitscht durch ehrliche Wut, Orgien feierte. Unaufhaltsam war der Stoß der Deutschen nach Süden vorgedrungen und hatte blutige Ernte gehalten. Und dann? Warum ging es auf einmal nicht mehr weiter? Warum wurde nicht ganz Unteritalien von den normannischen Herren gesäubert? Freilich, man wurde des blutigen Tanzes satt und der Krieger hat immer Sehnsucht nach daheim und will von dem schwülen Himmel Italiens immer wieder gerne in die waldkühlen Gaue hinter den Alpen. Aber sie hätten noch weiter gekämpft und gemordet, wenn es der Kaiser gewollt hätte. Das war doch wenigstens ein Italienzug nach ihrem Herzen: mit dem blanken Schwert in der Faust und dahin, wo man gerade will. Nicht wie gewöhnlich nur wie zum Schein in eiligem Zuge nach Rom und dort Verhandlung über Verhandlung und dabei immer den Harnisch unter dem Lederkoller und den Dolch in der Hand — man wußte, wie lieb und angenehm der Deutsche dem Italiener war und die strahlende Weltstadt hat dunkle Gassen, die schweigen können; und dann der Rückmarsch mehr Flucht als Heimzug. Doch all ihre Sehnsucht nach Deutschland war nicht der Grund des Umkehrens; sie hätten noch weitergekämpft und gesiegt. Waren es politische Irrungen und Wirrnisse, von denen sie keine Ahnung hatten oder — spürte Lothar, daß seine Tage gezählt seien? Mit 62 Jahren braucht zwar der Tod noch nicht nahe sein; aber wer als Greis noch die schwere Bürde der kaiserlichen Würde auf die Schultern nahm, der hat das Recht müde zu sein und darf den Wunsch haben, wenigstens nicht in der Fremde zu sterben.

kaiser lothar iii.  breitenwang
Auf jeden Fall war es, ohne daß man die Gründe wußte, seit dem 30. August von Benevent aus nach Norden gegangen; alle waren froh gewesen, daß man nicht durch das zwar herrliche, aber unheimliche und grauenerweckende Rom mußte; daß man in weitem Bogen um die Weltstadt zog und über den Apennin der Poebene zu. Freilich ging's auch hier nicht ohne Blutvergießen ab und mancher Paß, manche Bergfeste mußte erst mit stürmender Hand genommen werden; und ein Heer, das heimwärts drängt, kennt keine Schonung. Ende Oktober hatte der Kaiser dann in Bologna das Heer entlassen, das nur in größeren Gruppen über die Alpenpässe nach Norden gezogen war. Nur ein paar hundert Mann waren beim Kaiser geblieben; sie hatten noch am 11. Nov. in Trient das Martinsfest gefeiert und dann wurde der Rückmarsch über die Alpen begonnen; ein trauriger Heimweg, als ob man einen kostbaren Sarg mit sich führte, ein feierliches Totengeleite.

Als sie den Kaiser zum letzten Mal gesehen hatten, — im Inntal unten war's bei einem Ruhetag, der des Kranken wegen eingeschaltet werden mußte, da hatten sie alle gemerkt, daß seine Tage gezählt waren; nur die Zähigkeit des Greises, der den Willen hat nicht in der Fremde zu sterben, hielt den vollkommenen Zerfall seiner Kräfte noch auf. Ein Wettlauf mit dem Tode! Und Tag um Tag waren sie nun geritten, immer noch eingeschlossen von den Bergen, die ihnen den Zugang zur Heimat verwehrten und immer noch lebte der Kaiser.

Die Reiter ziehen schweigend das Tal hinauf, Schritt für Schritt, die Nachhut des Zuges, der den sterbenden Kaiser über die Alpen in die Heimat führte. Niedrige Hütten ducken sich am Straßenrand; einer steigt schwerfällig ab, als wären seine Glieder eingerostet vom langen Reiten, und pocht mit harter Faust an eine der dunklen Türen. Ein erschrecktes Gesicht erscheint hinter dem geöffneten Laden, Mann oder Weib, man kann's nicht sagen. „Wie weit noch zum nächsten Ort?" Die Gestalt in der Türe weist zur Sonne, die sich zu ihrem Untergang neigt: „Bis Abend!" „Gibts Brot oder Wein?" Ein Kopfschütteln ist die Antwort; es seien heute morgen schon viele Reiter vorbeigekommen; einer wäre auf einer Bahre gelegen wie ein Sterbender; dem hätte er den letzten Wein geben müssen; er wisse nicht, von was er selbst die nächste Zeit leben solle; seit Wochen schon seien täglich Leute vorbeigezogen und hätten ihn um Speise und Trank gebeten und man hätte ihm auch schon Gewalt genug angetan. Doch der Reiter hört nicht auf das Jammern und schwingt sich auf sein Roß; kaum vermag er es in Trab zu bringen, um den anderen nachzukommen. Die Sonne verschwindet hinter den verzerrten Gestalten der Berge; der Wind hat nachgelassen; aber die Nacht verspricht bitter kalt zu werden. Die Straße hat ihren höchsten Punkt erreicht und führt nun durch dichtes Tannengestrüpp in großem Bogen abwärts. Plötzlich reißt der erste Reiter sein Roß zurück, wie als ob er aus langem Schlaf erwacht sei, und sieht starr ins Tal hinunter — ins Tal? Nein, da ist kein Tal mehr zwischen hohe Berge gepreßt, dunkel und eng, aus dem man nicht mehr herauszukommen glaubt, wo sich einem ein schwerer Druck auf die Seele legt, wie sie ihn nun seit Wochen gespürt haben. Alle bleiben stehen und schauen vorwärts und sehen Ebene, weite Ebene und wie ein fast schmerzhafter Griff ins Herz ist der jubelnde Gedanke: daheim! Und keiner bringt ein Wort heraus, so müde und sehnsüchtig sind sie alle und dem einen, der sich erleichtern will, bleibt der grimme Fluch zwischen den Zähnen hängen. So halten sie und staunen: drunten im breiten Grund ein paar Hütten um ein kleines Kirchlein und dann, hinter niedrigen Waldbergen, eine weiße, in den letzten Sonnenstrahlen leuchtende Ebene — die Heimat!

lothars tod

Mit Einbruch der Dunkelheit steigen die Reiter unten in Breitenwang aus dem Sattel. Lagerfeuer glühen durch die Nacht und müde Gestalten versorgen die Pferde, bis sie sich endlich in die kleinen Stuben der Hütten drängen um einen kleinen Platz in der Nähe des Herdes zu bekommen. Dumpfes Schweigen lastet auf den Männern und man spürt die Frage, die in der Luft liegt: „Und der Kaiser?" Endlich hebt einer, der nahe beim Kaiser geritten war, an zu erzählen und aus fast mühsam herausgebrachten, stockenden Worten wird der Zusammenhang und alle lauschen wie andächtige Kinder bei einem Märchen. Wie die Kaiserin Richinza, die es sich nicht hat nehmen lassen, neben der Bahre zu reiten, dort oben an der Klause auf einmal den Blick in die Ebene gesehen hätte; die Tränen seien ihr über die Wangen gelaufen und unfähig ein Wort zu sagen, hätte sie sich über den Kaiser gebeugt und nach Norden gezeigt; der sei mit brennenden Augen dagelegen und hätte verstanden, was seine Gemahlin meinte und hätte leise gelächelt. Der Trierer Erzbischof, der auf der andern Seite geritten sei, hätte sich an ihn gewandt und ihm leise hinuntergesagt: „Herr Kaiser, wir sind daheim!" und ein Stöhnen vor Freude und Erleichterung sei die Antwort gewesen. Ins erste Haus bei der Kirche hätten sie ihn dann getragen und alle Fürsten seien zu ihm gerufen worden.

Dann ist's wieder ruhig in der Stube und zwischen dem Prasseln und Krachen des Feuers, dessen roter Schein an der niedrigen Holzdecke zuckt, hört man nur ein altes Volkslied summen, ganz leise, daß den Männern fast die Tränen kommen vor Heimweh. Und ihre Gedanken wandern zwischen Freude und Leid, zu dem Burghaus daheim, zu Weib und Kind und zu ihrem sterbenden Kaiser. Bis die Türe aufgeht und die eisige Nachtluft in die Stube dringt; ein Mönch steht da und sagt: „Gott hat den Kaiser zu sich genommen! Betet, Männer, für seine Seele!" Da lassen sich alle in Trauer und Dankbarkeit auf die Knie nieder.

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