Aus: Außferner Bote vom 27. Mai 1931
Freiballon. Am Mittwoch abends wurde über dem Tauern ein Freiballon gesehen, der wahrscheinlich von einer meteorologischen Station stammen dürfte.
Aus: Außferner Bote vom 30. Mai 1931
Der Piccardballon über dem Talkessel von Reutte.
In der vorigen Nummer haben wir berichtet, daß am Mittwoch ein Freiballon über dem Talkessel von Reutte gesehen wurde. Es handelte sich dabei um den eigens konstruierten Ballon des Prof. Piccard, mit welchem dieser und sein Assistent Dr. Kipfer einen Flug in die Stratosphäre, d. h. in Luftschichten von über 10.000 Meter Meereshöhe, unternahmen. Der Ballon war am 27. Mai 3.56 Uhr früh von Augsburg aus gestartet. Bei fast völliger Windstille erhob sich der Ballon, der unter Schweizer Flagge flog, ohne Schwierigkeit. Im Laufe des Vormittags wurde der Ballon als kleine silberne Kugel in verschiedenen schwäbischen Orten gesichtet. Er hatte bereits die Grenze der Zirruswolken, damit also eine Höhe von 10 — 12.000 Metern erreicht. Im Laufe des Nachmittags konnte der Ballon im bayerischen Oberland, in Außerfern und über dem Werdenfelser Gebiet, gesehen werden. Um 19.20 Uhr wurde als Standort das Oberinntal gemeldet. Mit eingebrochener Dunkelheit wurden die Meldungen immer unsicherer und beunruhigender. Man zweifelte schon, ob die kühnen Forscher noch überhaupt am Leben wären.
Da traf am 28. Mai 3.20 nachmittags in Innsbruck die Meldung ein, daß Professor Piccard am Vortage abends 10 Uhr auf dem Gletscher des Gurglferner wohlbehalten
gelandet und am 28. ds. morgens mit seinem Begleiter Dr. Kipfer frisch und wohlbehalten heruntergekommen ist. Sie hatten sich nachmittags mit einer zur Landestelle unterwegs befindlichen Hilfsexpedition getroffen. Professor Piccard traf Donnerstag abends noch vor 18 Uhr in Obergurgl ein. Ueber den Erfolg seiner Ballonfahrt äußerte er sich sehr befriedigend. Bereits in ganz kurzer Zeit sei der Ballon bis 16.000 Meter gestiegen und um 10 Uhr vormittags wollte Piccard wieder absteigen, aber das Ventil versagte. Daher sei der Ballon 12 Stunden in der Höhe von 15.000 Metern geblieben.
Gegen Ende der Fahrt habe Sauerstoffmangel bestanden. Sehr schlecht sei es mit dem Proviant bestellt gewesen; da sie nur einige Schinkenbrote mitgeführt hätten, hätten sie Hunger gelitten, besonders aber Durst, da in der Gondel die Temperatur von 40 Grad geherrscht habe. Die Auswertung der gewonnenen Erfahrungen werden sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.
Je nach Abschluß dieser Ergebnisse komme vielleicht ein zweiter Höhenflug in Frage. Der Ballon selbst habe sich glänzend bewährt. Hülle und Gondel, die vollkommen unbeschädigt sind, werden im Laufe des Samstag abtransportiert. Meldungen von Brüssel besagen, daß der König von Belgien Prof. Piccard zum Kommandeur des Leopoldordens und Dr. Kipfer zum Ritter dieses Ordens ernannt habe.
Piccards und Kipfels Husarenritt in die Stratosphäre
Was sich in der ersten Meldung für den Außerferner der damaligen Zeit zunächst recht lapidar las, war ein wissenschaftlich hoch ambitioniertes Unterfangen, denn im Mai 1931 schien der Himmel über Augsburg die Schwelle zu einer neuen Ära der Menschheit zu sein. Professor Auguste Piccard, ein Gelehrter, ausgestattet mit einer unerschütterlichen Neugier, trat zusammen mit seinem Assistenten Dr. Paul Kipfer an, um das letzte große Geheimnis über den Köpfen der Menschheit zu lüften. Sein Ziel war nicht weniger als die Stratosphäre, jene dünne, eiskalte Schicht der Atmosphäre, die bis dahin als unerreichbar galt. Anders als seine Vorgänger vertraute Piccard nicht auf Glück, sondern auf die bloße Physik. Er konstruierte eine kugelrunde Gondel aus Aluminium, die den erwarteten Druckunterschieden trotzen sollte.
Am 27. Mai hob der riesige Wasserstoffballon vom Erdboden ab. Zusammen mit seinem Assistenten Paul Kipfer stieß Piccard in Regionen vor, in denen die Luft zum Atmen zu dünn und die Kälte mörderisch ist. Mit jeder Minute stieg das Duo höher, während die Erde unter ihnen zu einer blau schimmernden Scheibe mit erkennbarer Krümmung schrumpfte. Sie erreichten die unglaubliche Rekordhöhe von 15.781 Metern – ein triumphaler Erfolg der Wissenschaft. Doch der Flug in der engen Kapsel war kein Spaziergang, sondern entwickelte sich zum lebensgefährlichen Kampf. Ein defektes Ventil verhinderte das geplante Absteigen im Bereich von Füssen, und ein Leck in der Hülle zwang die Forscher zu improvisierten Reparaturen mit den wenigen an Bord befindlichen Mitteln.
Stundenlang trieb die Gondel durch die Stratosphäre, während die Reserven an Atemluft langsam zur Neige gingen. Erst als nach Sonnenuntergang sich das Gas im Ballon abkühlte, begann das Gespann endlich seinen langsamen, aber lang ersehnten Sinkflug. Die Gondel setzte schließlich inmitten der Stille des Gurgler Ferners auf einem Gletscher in den Ötztaler Alpen auf. In Eis und Schnee verbrachten die erschöpften Pioniere eine eisige Nacht, bevor sie anderntags beim Abstieg vom Gletscher auf eine Hilfsmannschaft trafen, welche zu ihrer Rettung von Obergurgl aus aufgebrochen war.
die Piccard-Gondel am Gurgler Ferner (1931)

Piccard hatte damit bewiesen, dass der Mensch in einer künstlichen Umgebung in extremen Höhen überleben kann. Seine Messungen der kosmischen Strahlung lieferten den Physikern wertvolle Daten über die Natur unseres Universums. Noch heute gilt Piccards Flug als die Geburtsstunde der modernen Raumfahrt. Sein Mut inspirierte Generationen von Entdeckern, über den Horizont hinauszublicken. Er war der erste "Astronaut" der Geschichte, lange bevor dieser Begriff überhaupt existierte.