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Das Lechtal

von Prof. Dr. J. W.

Aus: Tiroler Anzeiger vom 24. Aug. 1925
Vom "Birg" (Gebirge) auf Tambergs-(Tannberg-)Höhen bis zur Einmündung des Tannheimertales bei Weißenbach erstreckt sich das tirolische Lechtal. Die Inntaler, die es einstens über die Übergänge Kaisers und Madau zuerst besiedelt hatten, sagen, daß es ein so enges Tal sei, daß man auf dem Rücken liegen müsse, um den blauen Himmel zu sehen.
lechleiten biberkopf steeg
Doch bietet sich dem Wanderer, der von Lechleiten abwärts zieht, ein ganz anderes Bild. Das Tal ist an gar vielen Stellen ansehnlich breit und eben und wunderliebe Siedlungen beleben das landschaftlich schöne Bild. Die erste Siedlung Lechleiten liegt auf dem Bergesabhang am linken Lechufer in ansehnlicher Höhe, zu Füßen des imposanten Biberkopfes. Die nächste Siedlung Steeg liegt bereits zu beiden Seiten am Ufer des Flusses. Von da zieht sich das Tal durch 40 Kilometer bis Weißenbach hin. Das Tal liegt durchschnittlich 1000 Meter über dem Meere und ist, wie die Lechtaler in einer Eingabe aus früherer Zeit sagten, "ein überaus kalter Ort." In einer Urkunde vom Jahre 1482 heißt es "ein wieterig wert und unwegsam Gebirg und Land." Das Tal führt seinen Namen nach dem Fluß, der es durchströmt.

Geschichtlich gehörte der größte Teil von den ältesten Zeiten an bis ins 14. Jahrundert zum bayerischen Oberland. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts kam es mit dem "Lande im Gebirge", mit Tirol, in Verbindung und durch Tirol kam es 1363 in den Bannkreis des Hauses Habsburg. Die erste Besiedlung erfolgte wohl vom Inntal aus. Die Römer beherrschten dann, wie die anderen Gebiete auch, das Lechtal. Zahlreiche Namen erinnern noch heute an die einstige Römerherrschaft. Es sei nur erwähnt die Alpe Stabel Elmen (von stabulum), Almajur (alpes major). Die Völkerwanderung machte der Römerherrschaft auch hier ein Ende.
magnus mang kloster
Nun wurde das Tal von Germanen besiedelt. Als der heilige Magnus in Füssen die Niederlassung gegründet hatte, wurde das Lechtal von dort talaufwärts gerodet und dem Christentum erschlossen. Das Gebiet von Hornbach abwärts bis Weißenbach und von dort bis Aschau gehörte dem Stifte Füssen. Das übrige Lechtal stand teils unter den Welfen und den Herren von Rettenberg (Röthenberg). Der welfische Besitz am oberen Lech ging nach dem Tode Welfs an Heinrich VII., von diesem an die Grafen von Tirol und dann an die Habsburger über. Der Rettenbergsche Besitz kam 1348 an die Tiroler Grafen.

Die älteste kirchliche Gründung war in Elbigenalp (in Urkunden Albingenalp). Der Name wird entweder von Albo (Adalbert) oder Albiko abgeleitet, der der erste Besitzer dieser Gegend, die einst eine Alpe war, gewesen sein soll, also Alpe des Albo oder Albiko oder von "alpige" Alp, d. h. eine gute Alpe auf der gut zu "alpen" ist. 1394 wird Elbigenalp dem Stifte Füssen einverleibt, das seinen Einfluß nunmehr lechaufwärts erweitert.
holzgau gföll
1402 wird Holzgau kirchlich von Elbigenalp getrennt und zu einer eigenen Pfarrei erhoben, der das obere Lechtal untergeordnet wurde. In Holzgau war 1401 eine Muttergotteskirche erbaut worden, die dann vergrößert und 1442 neugeweiht wurde (neuerdings vergrößert 1661 - 1700 und 1732 neugeweiht. In den einzelnen Orten entstanden im Laufe der Zeit Kapellen, die teilweise heute noch stehen, teilweise zu den schönen Kirchen des Lechtales erweitert wurden. Allen Wanderern durch das Tal werden die schmucken, schönen Kirchen auffallen und sie wohltuend überraschen. Die Kapellen und Kirchlein erhielten im Laufe der Zeit eigene Priester und entwickelten sich dann zu selbständigen kirchlichen Sprengeln. Im Jahre 1515 erhielt Elmen einen Kaplan, 1670 Bschlabs, 1675 Vorderhornbach, 1684 Namlos, 1685 Stanzach, 1696 Gramais, 1706 Steeg, 1715 Forchach, 1720 Häselgehr) selbständig seit 1786, 1739 Kaisers, 1740 Stockach (1782 Expositur, heute noch zu Elbigenalp gehörig), 1764 Hinterhornbach, 1773 Hägerau (1786 Expositur), 1787 Bach, 1808 Boden. In Holzgau wurde 1782 eine Frühmeßstelle errichtet (in Elbigenalp 1829).

Im Sonnenschein des Christentums blühten nun die einzelnen Ortschaften empor, dank der besonderen Regsamkeit der Bevölkerung des Tales. Ja, fleißig, arbeitsam und ausdauernd sind die Lechtaler. Viele, die in dem hochgelegenen Gebirgstale zu wenig Verdienstmöglichkeit fanden, wanderten frohgemut in die Fremde, wo sie Verdienst fanden, um dann mit dem ersparten Gelde in die Heimat zurückzukehren. Im Jahre 1699 waren 644 Lechtaler als Maurer in Deutschland tätig, 1770 - 1800 zogen 300 Lechtaler als Hausierer und Händler nach Holland und Deutschland. Heute noch sind in den deutschen Rheinlanden die lechtalischen Stukkateure und Maurerpoliere wohl bekannt. Neben Geld brachten diese Leute noch vieles andere mit. So kam im Jahre 1750 durch Maurer die erste Kartoffel ins Tal, die heute ein vorzügliches Nahrungsmittel der Bevölkerung bildet und im Tal außerordentlich gut gedeiht.

deckenfresko hägerau pest rochus sebastian
Das Lechtal erlebte wohl viele freudige, aber auch manche traurige Tage. Im Jahre 1664 war ein großes Lawinenunglück in Elmen, dem 40 Personen zum Opfer gefallen sind. Weitere Lawinenunglücke waren 1689 in Elbigenalp (4 Häuser verschüttet) und Holzgau (5 Häuser), 1693 in Winkel (bei Bach, 3 Häuser), 1740 im Bernhardstal (11 Personen) und 1793 in Häselgehr (11 Personen). Während des 30jährigen Krieges war die Pest ins Tal gekommen. Am 20. August 1629 war in Klapf bei Bach der erste Pestfall ausgebrochen und von da war die Krankheit bis 1635 im Tale. Das Jahr 1635 forderte die größten Opfer. In Grünau wurden 9 "Maria" in einem Grabe übereinander bestattet. Ganze Familien starben aus. So wird erzählt, daß Balthasar Schmidle samt Frau und 6 Kindern in Grießau dahingerafft wurden.

Das Jahr 1632 war außer dem Krankheitsjahr auch noch ein Kriegsjahr. Die Schweden waren talaufwärts bis Elmen vorgerückt. Am Elmerrain haben die Weiber die Schweden zurückgetrieben. Bis auf den heutigen Tag haben die Frauen beim Opfergang den Vortritt. Zweihundert Jahre früher waren die Schweizer über den Tannberg im Verlauf des Appenzellerkrieges (1406 bis 1416) ins Tal gekommen und sollen den Lechtalern zwischen Elbigenalp und Köglen ein Gefecht geliefert haben. Die französischen Kriege der napoleonischen Zeit machten sich auch im Lechtale geltend. 1769 zieht eine Kompanie nach Pfronten gegen die Franzosen, 1797 eine Kompanie Lechtaler nach Bozen, 1799 eilen zwei Kompanien ins Paznaun, 1800 gehen auch zwei Kompanien aus dem Tale weg (eine nach Tannheim, eine auf den Tannberg). Am 22. Juli 1800 besetzen die Franzosen Elbigenalp und verblieben bis 24. Februar 1801. Der bekannte Lechtaler Falger nennt in seinen Aufzeichnungen die Franzosen die "lustigen Zopfabschneider", weil die Männer bis dahin Zöpfe zu tragen pflegten, was die Franzosen ihnen aber verleidet haben sollen. Das Jahr 1809 sah sieben Kompanien aus dem Lechtal am Kampfplatz. Zum russischen Feldzug Napoleons stellte Lechtal eine Abteilung Soldaten, die 24 Mann in diesem Kampf einbüßte. Im Feldzug des Jahres 1814 gegen Frankreich blieben acht Lechtaler auf dem Schlachtfeld. So viel Opfer wie der Weltkrieg aus dem Tale forderte, haben wohl die früheren Kriege zusammengenommen nicht erheischt.

steeg post postbus gasthof
Im heurigen Jahr 1925 ist das Lechtal dem großen Verkehr durch die Einführung des Automobils erschlossen worden. Im Jahre 1861 hatte Lechtal die Fahrpost erhalten. Nunmehr durcheilen die Autos das Tal, den einen zur Freude und zur Genugtuung, daß nun auch das entlegene Tal dem großen Verkehr der Jetztzeit angeschlossen wurde, den anderen zum Verdruß, da sie Neuerungen abhold sind und verschiedene Gefahren und Nachteile befürchten.

Eine gewisse Berühmtheit hat das Lechtal erlangt, als im Jahre 1867 (am 19. September) die Königin-Mutter Maria von Bayern sich Elbigenalp im Lechtal als Sommeraufenthalt ausersah. Jedes Jahr bis zum Tode zu Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts kam sie ins Tal und besuchte die einzelnen Ortschaften. Die einzelnen Gotteshäuser weisen heute noch sichtbare Kennzeichen des Wohltätigkeitssinnes der Königin auf. Zu den schönsten Kindheitserinnerungen meiner Jugendtage gehören die Fahrten der Königin durch das Heimatdörfchen. Wie eilten wir zum "Gatter" an der Straße, um ihn offen zu halten während der Vorbeifahrt. Solche Verkehrshindernisse gab es damals noch viele am Wege. Goldig funkelnde neue "Kreuzer", "Sechser" und "Zwanz'ger" lohnte jedesmal unsere Dienstwilligkeit. Freilich kostete es unter Buben oft manchen derben Rippenstoß, bis einer sich in den Besitz der im Vorbeifahren ausgeworfenen Geldstücke setzte. Der Königinmutter mag der Anblick der lustig sich balgenden Knabenschar oft manche lachende Miene entlockt haben. Das stattliche Gebäude in Elbigenalp erinnert heute noch an den Aufenthalt des beliebten hohen Sommergastes und wurde von dem vielgenannten Kupferstecher Falger der Königin zum Geschenk gemacht. Jetzt dient es als Gasthaus und Postgebäude dem neuen Autoverkehr.

Glückauf, Lechtal, für deine fernere Zukunft! Halte fest an dem, was dich bisher blühend gemacht hat, an deinem christlichen Sinn, und du wirst auch in der Neuzeit des Weltverkehrs dein Lebensglück dir schmieden wie bisher!

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